catherinépierré

Selbsthilfeverein Dieser Weg - Zurück ins Leben n.e.V.


Für Angehörige und Betroffene von Depression, PTBS & Dissoziativer Störung

Mein Name ist Catheriné.

Ich bin 29, habe eine bipolare Störung und Alexithymie.


Meine Geschichte fängt damit an, dass meine Eltern nur am Streiten waren. Ich war ein Papa - Kind. Hatte ihn sehr lieb und hätte alles dafür gegeben, wenn er mich auch so liebgehabt hätte, aber dass er mir das mal gezeigt hat, kam fast nie vor. Als Kind war mir das nicht so bewusst, jetzt, als Frau, weiß ich, dass er es nicht konnte, weil er wie ich Alexithymie hat.

Als ich 12 war, ließen sie sich scheiden. Ich hatte vorher schon Schwierigkeiten. Geldmäßig war es auch schwierig, was ich als Kind nicht wusste. Vor der Scheidung kam meine Familie in das Sozialhilfesystem. Als Kind dachte ich, dass alles geht. Das meine Mama nicht so viel Geld hatte, wusste ich nicht. Sie hat trotzdem immer geguckt, dass wir alles hatten und hat uns, wenn sie konnte, auch mal Geld fürs Kino gegeben oder andere Dinge.

Ich war wütend, sensibel, teilweise schon depressiv. Aber als die Scheidung dann kam, hat mir das den 1. Schlag versetzt.


Ich war ein typischer Teenager: Rebellisch, respektlos, hatte eine Clique. Ich war aber auch sehr verletzt und wütend auf meine Mama. Und das habe ich auch jeden Tag an ihr ausgelassen. In der Schule wurde ich gemobbt fertiggemacht, bis ich eines Tages plötzlich schreiend zusammengebrochen bin und beschlossen habe, wieder eine Therapie zu machen. Also ging ich in eine Tagesklinik, in der Hoffnung, dass mir das helfen würde. Zu Hause wurde es nicht besser. Ich war 13. Inzwischen war es mit mir so schlimm, dass ich eines Tages weggelaufen bin und zu meinem Papa gezogen bin.


3 Wochen blieb ich bei ihm. In der Zeit hat er sich tagtäglich bewusstlos getrunken, ich musste mir das hilflos mit angucken. Wenn er betrunken war, war er der liebste und beste Papa der Welt und konnte mir auch zeigen, dass er mich liebhatte. Wenn ich ins Bett gegangen bin kam er und gab nur einen gute Nacht - Kuss. Aber ich hatte auch Angst, dass er etwas machen könnte, was er nicht darf. Hat er aber nie getan.


Nach 3 Wochen bekam ich meine Periode. Ich habe schon immer richtig Probleme damit gehabt, aufgrund einer Störung namens "PMDS". Wenn ich meine Tage habe, geht es nicht ohne Ibuprofen. Wenn ich keine habe, wird aus einer souveränen Frau ein kleines, hilfloses Kind. Ich verliere das Bewusstsein fast zu 100 %, übergebe mich und kann ab einer gewissen Zeit nur noch weinen und kriege kein richtiges Wort mehr raus. Klare Gedanken fassen? Geht nicht. An dem Tag war was mit den Schmerzen so schlimm, dass ich zu meiner Mama ging. Ich wusste nicht, was ich machen sollte.


Mein Papa war damit überfordert. Ich habe Mama an dem Tag alles erzählt. Nicht lange darauf kam ich in eine WG für Mädchen wo ich bleiben sollte, bis die Therapie abgeschlossen war. Als sie letztlich abgeschlossen war, zog ich am gleichen Tag in eine andere WG, für schwer erziehbare Kinder. Für Jungs und Mädchen. Das war am 24.08.2001. Damit wurde es richtig schlimm. Ich hatte schon immer einen sehr sensiblen und scharfen Instinkt. Das da etwas nicht stimmt, war mir aber nicht richtig klar. Das habe ich aber sehr schnell mitbekommen. In der WG durften wir viel machen - Kino oder so. Aber es gab auch Zeiten wo wir verprügelt wurden. Ich war sehr vorsichtig und schlau. Ich wurde glücklicherweise nicht verprügelt oder geschlagen, dafür aber von meiner Familie du distanziert.


Wir waren Dreck und das haben uns die "Erzieher" auch klargemacht. Hm. Wenn ich das Wort Erzieher jetzt lese, muss ich tatsächlich fast schon sarkastisch grinsen. Keiner der Erzieher war tatsächlich gelernter Erzieher. Wir hatten zum Beispiel einen Hausmeister, der ruckzuck zum Erzieher gemacht wurde. Ich erinnere mich noch gut an den kleinen Pascal. Jener Erzieher verprügelte ihn, während ich in der Küche war. Ich habe alles mitbekommen. Das werde ich nie vergessen. Einen Tag später, als ich eingezogen war, kam es wie es kommen musste: Ich sah S. und verliebte mich auf den ersten Blick. Ich hätte alles dafür gegeben, um mit ihm zusammen sein zu können. Das hat er auch eiskalt ausgenutzt.


Ich hatte vorher schon die eine oder andere Erfahrung. Aber das, was da zwischen uns passierte war wesentlich intimer als alles was ich bis dahin getan hatte. Vom Charakter her war er zwar nett, aber dominant. Als er mich eines Tages fragte, ob ich mit ihm gewisse Dinge machen würde, sagte ich gleich zu. Von da an war ich fast jede Nacht bei ihm im Zimmer. Das Ganze ging ca. 1 1/2 Jahre.


Bis er mich letztlich vergewaltigt hat.


War war 15, Jungfrau und wusste, was ich wollte: Ich wollte mein erstes Mal mit jemandem erleben, den ich von ganzem Herzen liebe. Es sollte wunderschön sein, mit leiser Musik und ganz vielen Kerzen. Das wichtigste für mich war aber, dass ich auch das passende Alter dafür habe. Ich wollte es erleben wenn ich 19 gewesen wäre. Das habe ich ihm auch erzählt, worauf er antwortete, dass daraus nichts werden würde. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Und dann war es soweit. Ich war wieder bei ihm. Das war am 9.04.2003. Es ist nicht so, dass er mir gegenüber Gewalt angewendet hätte. Nein. Im Gegenteil. Das ist auch der Grund, weswegen ich mich lange gefragt habe, ob er mich tatsächlich vergewaltigt hat oder ob es doch nur ein schrecklich schief gegangenes 1. Mal gewesen ist. Inzwischen weiß ich, dass er mich tatsächlich vergewaltigt hat. Als es vorbei war, bin ich zurück in mein Zimmer gegangen, da wurde mir dann der letzte Schlag, der alles änderte, der MICH veränderte, versetzt. Ich habe mich umgezogen und mich dann "da unten" saubergemacht. Das ich geblutet habe, habe ich bis dahin nicht mitbekommen. Und zwar deswegen, weil ich kein Licht an hatte.


Klar kam mir das komisch vor, dass die Putztücher "Braun" waren, aber erst nach dem 4. habe ich Licht angemacht. Kurz bevor ich Licht angemacht habe, habe ich gemerkt, dass mir etwas Warmes am Bein runter lief und dann habe ich das Geräusch gehört, ein regelmäßiges Pit, Pit, Pit. Ich bekam Panik, machte Licht an, sah die Putztücher und guckte nach unten. Da war's vorbei. Ich stand in einer großen Pfütze Blut. Meine Hände waren voll davon. Ich wurde panisch und lief ins Badezimmer. Einer der anderen, älteren Jugendlichen, bekam das mit und ging mir nach. Als er dann meine Hände sah, drehte er sich um und sagte dem nachtdiensthabenden Erzieher, übrigens der Hausmeister, bescheid, der mit einem Kollegen am Trinken und ziemlich gut betrunken war. Ich war in der Zwischenzeit wieder auf meinem Zimmer.


Als die beiden Erzieher kamen, war ich psychisch so fertig, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Der Hausmeister machte den Teppich sauber. Ich werde nie vergessen, wie sein Kollege, der übrigens relativ nüchtern war, ihn fragte ob es nicht besser wäre mich zum Arzt zu bringen. Der Hausmeister grinste nur und meinte: "Nö, die hat nur ihre Tage". Am folgenden Morgen musste ich dann zur Schule. Jeden Tag. Das hat mich seelisch gebrochen. Aus einem Rebell wurde ein verängstigtes Mädchen. Ich saß monatelang in der Schule, mit Verletzungen. 4 - 5 Wochen später übergab ich mich vor der Schulküche. Ob ich schwanger war oder nicht, weiß ich nicht. Ich habe sehr wenige klarer Erinnerungen an meine Vergangenheit. Eigentlich ist diese Erfahrung und meine spätere große Liebe das einzige was ich nicht vergessen habe. Keiner wusste was davon. Was mir da angetan wurde, war mir nicht bewusst. Als mir klar wurde, dass ich keine Jungfrau mehr bin, ist etwas in mir zerbrochen.


In der Sekunde kam die bipolare Störung richtig durch. In der ganzen Zeit, wo ich da lebte, erzählte ich meiner Mama immer, was passierte und hoffe das ich wieder zurück nach Hause dürfte. Danach kämpfte ich noch intensiver dafür, lief ständig weg, zu meiner Familie. Als wir dann Sommerferien hatten, bin ich nach Hause gefahren und letztlich am 4.09.2003 ausgezogen, zurück nach Hause.


Mit 19 verliebte ich mich in einen gestörten jungen Mann. 3 schlimme Jahre hatten wir zusammen. Und 2 Jahre später lief ich dann endlich meiner Meinung nach großen Liebe über den Weg. Er war gelernter Rettungsassistent und ging daher auch ganz anders mit mir um. Dass ich eine bipolare Störung habe, ist nie richtig diagnostiziert und erkannt worden. Das war Zufall, dass ich dahinterkam. Als ich ihm davon erzählt habe, fing er an, mir Fragen zu stellen. Wie das so ist zum Beispiel. Ich konnte ihm alles erzählen, was mir sehr gut getan hat. Wir waren 5 Jahre zusammen, in denen ich von ihm gelernt habe, mit der bipolaren Störung fertig zu werden. Ich kam bei ihm endlich zur Ruhe. Als er sich letztlich von mir getrennt hat ist meine ganze Welt zusammengebrochen.


Das war vor 2 Jahren. Ich habe inzwischen einen Border Collie, Paige. Wir haben den Schlumpf zusammen adoptiert. Und ganz ehrlich? Das er da war, war das Beste, was mir passieren konnte.


Inzwischen bin ich eine relativ gefasste und ausgeglichene junge Frau. Die jeden Tag gegen sich selbst kämpft und sich jeden Tag ohne Hilfe kontrolliert. Niemand würde je auf die Idee kommen, dass ich eine bipolare Störung habe. Niemand. Weil ich das sehr gut verstecke.


Die einzigen die mir helfen und immer für mich da sind meine beste Freundin und ein guter Freund von mir. Ohne die beiden würde ich das alles nicht schaffen


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Catheriné Pierré


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