Catheriné erzählt Ihre Geschichte

 

Mein Name ist Catheriné.

Ich bin derzeit 30, habe eine bipolare Störung und Alexithymie.

Meine Geschichte fängt damit an, dass meine Eltern nur am streiten waren. Ich war ein Papa-Kind. Hatte ihn sehr lieb und hätte alles dafür gegeben, wenn er mich auch so lieb gehabt hätte, aber dass er mir das mal gezeigt hat, kam fast nie vor. Als Kind war mir das nicht so bewusst, jetzt, als Frau, weiß ich, dass er es nicht konnte, weil er wie ich Alexithymie hatte. Als ich 12 war, ließen meine Eltern sich scheiden. Ich hatte vorher schon psychische Schwierigkeiten. Geldmäßig war es auch schwierig, was ich als Kind nicht wusste. Vor der Scheidung kam meine Familie (meine Mama, meine Schwestern und ich) in das Sozialhilfesystem. Als Kind dachte ich, dass alles geht, dass wir alles haben können. Dass meine Mama nicht so viel Geld hatte, wusste ich nicht.

Sie hat trotzdem immer geguckt, dass wir alles hatten und hat uns, wenn sie konnte, auch mal Geld fürs Kino gegeben oder für andere Dinge. Ich war wütend, sensibel, teilweise schon depressiv. Aber als die Scheidung dann kam, hat mir das den 1. Schlag versetzt. Ich war ein typischer Teenager: Rebellisch, respektlos, hatte eine Clique. Ich war aber auch sehr verletzt und wütend auf meine Mama. Und das habe ich auch jeden Tag an ihr ausgelassen. In der Schule wurde ich gemobbt und fertig gemacht, bis ich eines Tages plötzlich schreiend zusammen gebrochen bin und beschlossen habe, wieder eine Therapie zu machen.

Also ging ich in eine Tagesklinik, in der Hoffnung, dass mir das helfen würde. Zu Hause wurde es nicht besser. Ich war 14. Fast jeden Tag hatten meine Mama und ich Streit. Inzwischen war es mit mir so schlimm, dass ich eines Tages weg gelaufen bin und zu meinem Papa gezogen bin. 3 Wochen blieb ich bei ihm. In der Zeit hat er sich tagtäglich bewusstlos getrunken, ich musste mir das hilflos mit angucken. Wenn er betrunken war, war er der liebste und beste Papa der Welt und konnte mir auch zeigen, dass er mich lieb hatte. Wenn ich ins Bett gegangen bin kam er und gab mir einen Gute-Nacht-Kuss. Aber ich hatte auch Angst, dass er etwas machen könnte, was er nicht darf, dass er mich anfassen könnte. Hat er aber nie getan.

Nach 3 Wochen bekam ich meine Periode. Ich habe schon immer richtig Probleme damit gehabt, aufgrund einer Störung namens „PMDS“. Wenn ich meine Tage habe, geht es nicht ohne Ibuprofen. Wenn ich keine habe, wird aus einer souveränen Frau ein kleines, hilfloses Kind. Ich verliere das Bewusstsein fast zu 100 %, übergebe mich und kann ab einer gewissen Zeit nur noch weinen und kriege kein richtiges Wort mehr raus. Klare Gedanken fassen oder jemanden nach Hilfe fragen? Geht nicht. An dem Tag war das mit den Schmerzen so schlimm, dass ich zu meiner Mama ging. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Mein Papa war damit überfordert. Ich habe Mama an dem Tag alles erzählt. Nicht lange darauf kam ich in eine WG für Mädchen wo ich bleiben sollte, bis die Therapie abgeschlossen war. Als sie letztlich abgeschlossen war, zog ich am gleichen Tag in eine andere WG, für schwer erziehbare Kinder. Für Jungs und Mädchen. Das war am 24.08.2001.

Damit wurde es richtig schlimm. Ich hatte schon immer einen sehr sensiblen und scharfen Instinkt. Dass da etwas nicht stimmt, war mir aber nicht richtig klar. Das habe ich aber sehr schnell mitbekommen. In der WG durften wir viel machen – Kino oder so. Aber es gab auch Zeiten wo wir verprügelt wurden. Ich war sehr vorsichtig und wurde glücklicherweise nicht verprügelt oder geschlagen, dafür aber von meiner Familie distanziert. Und zwar deswegen weil ich meiner Mama ständig erzählt habe was in der WG passiert. Wir waren Dreck und das haben uns die Erzieher auch klar gemacht. Die Lieblingsbeschäftigung der Erzieher war uns anschreien, psychisch fertig machen, auf jede erdenkliche Weise zu drangsalieren, zu schlagen und zu verprügeln und uns zu zeigen dass wir “ein Nichts” sind.

Hilfe vom Jugendamt konnten wir nicht erwarten. Wir hatten psychische Probleme, waren gestört. Wir waren auf uns gestellt. Hm. Wenn ich das Wort “Erzieher” jetzt lese, muss ich tatsächlich fast schon sarkastisch grinsen. Keiner der Erzieher war tatsächlich gelernter Erzieher. Wir hatten zum Beispiel einen Hausmeister, der ruck zuck als Erzieher eingesetzt wurde. Ich erinnere mich noch gut an den kleinen Pascal. Jener Erzieher verprügelte ihn, während ich in der Küche war. Ich habe alles mitbekommen. Das werde ich nie vergessen.

Einen Tag später, als ich eingezogen war, kam es wie es kommen musste: Ich sah Sascha und verliebte mich auf den ersten Blick. Ich hätte alles dafür gegeben, um mit ihm zusammen sein zu können. Das hat er auch eiskalt ausgenutzt. Ich hatte vorher schon die eine oder andere intime Erfahrung. Aber das, was da zwischen uns passierte war wesentlich intimer als alles was ich bis dahin getan hatte. Vom Charakter her war er zwar nett, freundlich, konnte sich gut artikulieren und war beliebt, aber mir gegenüber dominant. Als er mich eines Tages fragte, ob ich ihn massieren und mit ihm gewisse Dinge tun würde, sagte ich gleich zu. Ich wollte ihn unbedingt und hätte dafür alles gegeben und getan. Von da an war ich fast jede Nacht bei ihm im Zimmer. Das ganze ging ca. 1 1/2 Jahre. Bis er mich letztlich vergewaltigt hat. Ich war 15, Jungfrau und wusste, was ich wollte: Ich wollte mein erstes Mal mit jemandem erleben, den ich von ganzem Herzen liebe. Es sollte wunderschön sein, mit leiser Musik und ganz vielen Kerzen. Das Wichtigste für mich war aber, dass ich auch das passende Alter dafür habe. Ich wollte es erleben wenn ich 17-19 gewesen wäre.

Das habe ich ihm auch erzählt, worauf er antwortete, dass daraus nichts werden würde. Ich habe mir nichts dabei gedacht, komisch kam mir das allerdings schon vor. Und dann war es soweit. Ich war wieder bei ihm. Das war am 09.04.2003. Es ist nicht so, dass er mir gegenüber Gewalt angewendet hätte. Nein. Im Gegenteil. Mir war nicht bewusst was er da macht. Das ist auch der Grund, weswegen ich mich lange gefragt habe, ob er mich tatsächlich vergewaltigt hat oder ob es doch nur ein schrecklich schief gelaufenes 1.Mal gewesen ist.

Inzwischen weiß ich, dass er mich tatsächlich vergewaltigt hat. Als es vorbei war, bin ich zurück in mein Zimmer gegangen, kurz nach Mitternacht, da wurde mir dann der letzte Schlag, der alles änderte, der MICH veränderte, versetzt. Ich habe mich umgezogen und mich dann „da unten“ sauber gemacht. Dass ich geblutet habe, habe ich bis dahin nicht mitbekommen. Und zwar deswegen weil ich kein Licht an hatte. Klar kam mir das komisch vor, dass die Putztücher „Braun“ waren, aber erst nach dem 4. habe ich Licht angemacht. Kurz bevor ich Licht angemacht habe, habe ich gemerkt, dass mir etwas Warmes am Bein runter lief und dann habe ich das Geräusch gehört, ein regelmäßiges Pit, Pit, Pit. Ich bekam Panik, machte Licht an, sah die Putztücher und guckte nach unten. Da war’s vorbei. Ich stand in einer großen Pfütze Blut. Meine Hände waren voll davon. Ich wurde panisch und lief ins Badezimmer. Klare Gedanken fassen ging nicht. Einer der anderen, älteren Jugendlichen, bekam das mit und ging mir nach. Als er dann meine Hände sah, drehte er sich um und sagte dem Nachtdiensthabenden Erzieher, in dieser Nacht war das der Hausmeister, bescheid, der mit einem Kollegen am trinken und ziemlich gut betrunken war. Ich war in der Zwischenzeit wieder auf meinem Zimmer. Als die beiden Erzieher kamen, war ich psychisch so fertig, dass ich nicht mehr klar denken oder mich richtig artikulieren oder erklären konnte was passiert ist. Ich wusste es ja selbst nicht. Der Hausmeister machte den Teppich sauber. Ich werde nie vergessen, wie sein Kollege, der übrigens relativ nüchtern war, ihn fragte ob es nicht besser wäre mich zum Arzt zu bringen.

Der Hausmeister grinste nur und meinte: „Nö, die hat nur ihre Tage“. Am folgenden Morgen musste ich dann zur Schule. Von da an jeden Tag. Das hat mich seelisch gebrochen. Aus einem Rebell wurde ein verängstigtes Mädchen. Ich saß monatelang in der Schule, mit Verletzungen. 4-5 Wochen später übergab ich mich vor der Schulküche. Ob ich schwanger war oder nicht, weiß ich nicht. Ich habe sehr wenige klare Erinnerungen an meine Vergangenheit. Eigentlich sind diese Erfahrung und meine spätere große Liebe das Einzige was ich nicht vergessen habe.

Keiner wusste was davon. Die WG manipulierte mich und drohte mir, dass ich weg gesperrt werden würde und nie wieder zu meiner Familie dürfte wenn ich jemandem etwas davon erzählen würde. Ich werde nie vergessen, was sie Robin angetan haben zu der Zeit. Er hatte Drogenprobleme und durfte deswegen seine Familie nicht mehr sehen. Was Drogen und Alkohol angeht war er nicht der Einzige der Probleme damit hatte. Teilweise haben die Erzieher mit den Jugendlichen zusammen Drogen genommen und Alkohol getrunken. Beispielsweise der Hausmeister. An Drogen und Alkohol hatte er seinen Spaß. Mir wurde später erzählt, dass Robin weg gelaufen ist. Ich weiß nicht, wo er jetzt ist, aber das hat er nicht durchgestanden. Er hat seine Mama sehr geliebt. Er hat mir sehr leid getan. Durch Drogen und Alkohol konnten die anderen für eine gewisse Zeit alles vergessen.

Ich habe nie Drogen konsumiert, aber wie das so ist einmal was getrunken. Ich habe mich am liebsten in mein Zimmer zurückgezogen und gelesen. Was mir da angetan wurde, war mir nicht bewusst. Als mir klar wurde dass ich keine Jungfrau mehr bin, ist etwas in mir zerbrochen. In der Sekunde kam die bipolare Störung richtig durch. Von jetzt auf gleich war da plötzlich richtig viel Energie – richtig krass und schwierig zu beschreiben. In der ganzen Zeit, wo ich da gewohnt und gelebt habe, erzählte ich meiner Mama immer, was passierte und hoffte dass ich wieder zurück nach Hause darf. Aber sie sagte immer, dass ginge nicht.

Nach dem 09.04.2003 kämpfte ich noch intensiver dafür, aus der WG raus zu kommen. Um das zu schaffen bin ich jedes Mal wenn wir Taschengeld bekommen haben, nach Hause gefahren. Als wir dann Sommerferien hatten, bin ich nach Hause gefahren und letztlich am 04.09.2003 ausgezogen, zurück nach Hause. Da war ich 16. Lange Zeit war mir nicht mal bewusst, dass ich zwischenzeitlich Geburtstag hatte und 16 geworden bin.

Mit 19 verliebte ich mich in einen gestörten jungen Mann. 3 schlimme Jahre hatten wir zusammen. 2 Jahre später lief ich dann endlich meiner großen Liebe über den Weg.

Robert war gelernter Rettungsassistent und ging daher auch ganz anders mit mir um. Er war sehr ruhig, intelligent, ausgeglichen, attraktiv und sah unbeschreiblich gut aus. Dass ich eine bipolare Störung habe, ist nie richtig diagnostiziert und erkannt worden. Das war Zufall, dass ich dahinter kam. Als ich ihm davon erzählt habe, fing er an, mir Fragen zu stellen. Wie das so ist, zum Beispiel. Dadurch habe ich auch viel über mich selbst gelernt. Ich konnte ihm alles erzählen, was mir sehr gut getan hat.

Wir waren 5 Jahre zusammen, in denen ich von ihm gelernt habe, mit der bipolaren Störung fertig zu werden und sie zu kontrollieren. Ich kam bei ihm endlich zur Ruhe. Robert wusste, dass es wichtig für mich ist mich zu entspannen und ließ mir die Zeit dazu. Ich hatte aber auch Aufgaben; Haushalt oder einkaufen. Dadurch hatte ich einen festen und geregelten Ablauf dem ich folgen konnte, was für mich sehr wichtig ist. Er war mein bester Freund. Dadurch dass er auf mich eingegangen ist, habe ich gelernt, dass Sex auch etwas positives sein kann. Er war sehr vorsichtig im Umgang mit mir. Ich hatte das Gefühl, sicher zu sein und beschützt zu werden. Ich weiß noch, wie er das erste Mal “Schatz” zu mir gesagt hat. Wir haben telefoniert. Er musste auflegen und sagte aus Reflex “Tschüss mein Schatz!” Das war ihm richtig peinlich. Wir waren da noch kein Paar, haben aber trotzdem schon Schatz zueinander gesagt und uns beim schlafen festgehalten. Als er sich letztlich von mir getrennt hat ist meine ganze Welt zusammen gebrochen.

Das war vor 2 Jahren, am 18.05.2015. Lange Zeit kam ich nicht damit klar. Ich dachte, es würde noch eine Chance geben und hätte dafür alles getan. Bis zum Dezember 2016 schliefen Robert und ich noch miteinander. Ich schlafe eigentlich nur mit jemandem, wenn ich in einer Beziehung bin oder denjenigen liebe, aber… für uns beide war das letztlich nichts anderes als Entspannung, Spaß für zwischendurch. Auch wenn ich mehr wollte. Zwischendurch waren wir auch mal wir gut miteinander befreundet. Er war der Einzige, dem ich 100 %ig vertraut habe, weil ich wusste, dass er mich verstanden hat.

Ich hatte zwischendurch auch mal einen Border Collie, Paige. Wir haben den Schlumpf zusammen adoptiert. Und ganz ehrlich? Dass er da war und mich nicht aufgegeben hat, war das Beste, was mir passieren konnte. Aber… Inzwischen sind wir sehr zerstritten, ohne eine Chance. Was für Paige doof ist. Weil sie bei ihm wohnt und er sie jetzt nicht mehr zu mir lässt. Dadurch geht es mir sehr schlecht. Ich vermisse se sehr und würde alles dafür geben meinen Schlumpf zurück zu bekommen. Werde ich aber nicht. Und das zerreißt mich.

Er macht mich kaputt. Trotzdem bin ich eine relativ gefasste und ausgeglichene junge Frau. Die jeden Tag gegen sich selbst kämpft und sich jeden Tag ohne Hilfe kontrolliert. Niemand würde je auf die Idee kommen, dass ich eine bipolare Störung habe. Niemand. Weil ich das sehr gut verstecke. Die Einzigen die mir helfen und immer für mich da sind meine beste Freundin Jana, Steffie und Burkhard, ein guter Freund von mir. Ohne die Drei würde ich das alles nicht schaffen. Und ohne Paige auch nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.