Alex’s Geschichte

 

 

10. April 2010

Warum ausgerechnet 10. April 2010? Eigentlich ein ganz normaler Samstag, Sonne, blauer Himmel und einigermaßen warm. Der Tag begann wie jeder andere auch mit einem gemeinsamen Frühstück mit meiner Frau Annika. Gegen 9.30 Uhr verabschiedete ich mich um zur Arbeit zu fahren. Doch da kam ich an diesem Tag nie an. Dies war der Tag meines Suizidversuches….

Rückblick: Ich heiße Alexander Bothe, wurde am 29.04.1978 in Nürnberg von einer Frau, die ich bis 2008 nicht kannte, geboren. Direkt nach der Geburt wurde ich in ein Kinderheim gegeben. 1984 wurde ich dann von einer Familie aus Nürnberg adoptiert. Was dann folgte, konnte, wollte und mochte ich mich nicht daran erinnern. 1990 kam ich aus verschiedenen Gründen wieder in ein Kinderdorf, wo ich den Rest meiner Jugend verbrachte.

2009 arbeitete ich ehrenamtlich für ein Internetradio und wollte eine Sendung zum Thema „Missbrauch und Gewalt in der Familie“ machen. Mit dieser Arbeit fing es an, dass sich erst schemenhaft, dann immer deutlicher die Ereignisse in meiner Kindheit in mein Gedächtnis schoben.

Lange Zeit verschwieg ich das Ganze vor meiner Frau, meinte „Alles Okay“, verkroch mich in der Arbeit und zu Hause nur noch im Internet. Selbst als Sie mich darauf ansprach mit dem ersten Verdacht „Sag mal, hast du Depression?“, war für mich nach außen hin die Welt in Ordnung. Innerlich herrschte aber Chaos, ich war aggressiv, konnte mich nicht konzentrieren, hatte nicht mal Lust mich zu duschen und zu rasieren. Dinge über die ich gelacht habe, konnten mich total aus der Fassung bringen. Trotzdem war alle in Ordnung.

Dann kam besagter Tag im April, wie am Anfang schon geschrieben, war es ein ganz gewöhnlicher Tag. Ich führ also Richtung Arbeit, tankte das Auto und fuhr dann fast 300 km durch die Gegend ohne ein wirkliches Ziel. Irgendwann stand ich mitten im Steigerwald vor meiner alten Schule an der ich meinen Realschulabschluss machte. Bitte fragt nicht warum ausgerechnet da, ich kann es bis heute nicht beantworten. Eben vor dieser Schule versuchte ich mir die Pulsadern aufzuschneiden. Ich weiß auch nicht warum, irgendwann schrieb ich meiner Frau per SMS, dass ich versagt habe und was geschehen ist. Sie alarmierte ausgerechnet meinen Chef, der mich aufsammelte und in eine Klinik brachte. Dort zusammengeflickt war dann der direkte Weg mit dem Krankenwagen in ein Bezirkskrankenhaus. 28 Tage Kriseninterventionsstation. Ich im ersten Augenblick völlig überfordert mit der Situation, meine Familie noch mehr überfordert. Zum einen sagte ich zu meiner Frau „Wenn es dir Zuviel wird, nimm die Kinder und geh“, zum anderen hatte ich große Verlustängste, dass sie deswegen geht. Doch Sie hat gekämpft wie eine Löwin. Hat sich um die Kinder gekümmert, den Haushalt, meinem Arbeitgeber, etc. Dafür bin ich Ihr bis heute unendlich dankbar.

Mit den Diagnosen, schwere Depression, komplexe Posttraumatische Belastungsstörung und Dissoziative Amnesie, wurde ich eben nach 28 Tagen entlassen. Es folgten 14 Monate Berufsverbot, ambulante Therapie (insgesamt fast 6 Jahre) und ein freiwilliger 10-wöchiger Aufenthalt auf einer Psychotherapiestation.

Mitte 2010 eröffnete ich dann ein Internetforum zur Eigentherapie, den schreiben war einfacher als reden. Ende 2014 überlegten wir, wie wir die Themen besser in der Öffentlichkeit verbreiten können. Dazu gründeten wir dann im Februar die Interessengemeinschaft „Dieser Weg – Zurück ins Leben“ für Angehörige und Betroffene von Depression, PTBS und Dissoziativer Störung.

Wir möchten anderen Betroffenen und Angehörigen eine Hilfestellung geben, was im Falle einer Erkrankung auf sie zukommt, was zu beachten ist und was sie im Rahmen der Selbsthilfe unternehmen können, damit sie nicht noch weiter in ein Loch fallen.

Ich danke gleich zu Beginn meiner Familie, die immer für mich da ist. Danke, Annika Bothe, Pascal und Julian. Danke an den geduldigen Therapeuten (immerhin hat er fast 6 Jahre gut an mir verdient), danke an alle die an mich geglaubt haben.

Anekdote: Vieles ist negativ bei so einer Krankheit, doch 2011 konnte ich dann doch das erste mal darüber lachen. Ich bekam von einem Anwalt ein Schreiben. Die Klinik dich mich erst-versorgt hatte, forderte per Anwalt die Zehn Euro Praxisgebühr. Richtig gelesen, per Anwalt. Ich denke das hat ungefähr das 5-6fache gekostet. Liebes Klinikteam, danke für die Versorgung und entschuldigt bitte, dass ich am Tage, an dem ich mein Leben beenden wollte, kein Geld dabei hatte.

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