Herausforderungen und Geschenke für mein Leben mit einer bipolaren Störung:

„Take you broken heart and make it into art“. Dieser wunderbare Ausspruch stammt von Carrie Fisher. Weltruhm erlangte sie mit ihrer Rolle als Starwars-Prinzessin Leia. Als sie kürzlich verstarb, verhalf sie, ganz „Mental Health Advocate“, ihrer Krankheit, der bipolaren Störung, ein letztes Mal in die Schlagzeilen. Gut so, denn öffentliche Bekanntheit hilft Ängste vor psychischen Erkrankungen und Stigmatisierung der Betroffenen abzubauen – und genau das will ich auch mit meinem Tagebuch.

Für dieses Jahr habe ich mir drei wesentliche Ziele vorgenommen – wie ich SEIN  und mich FÜHLEN will: HEITER-GESELLIG-AUSBALANCIERT.

Heiter: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Schön, wenn das gelingt. Notfalls retten wir Menschen in Nöten uns auch durch bzw. in Galgenhumor, kennst Du das?

Gesellig: Gemeinsam sind wir stark. Noch ein Sprichwort. Mit (Hinter-)Grund. Da ich nicht Einzelkämpferin bleiben möchte, habe ich bereits angefangen, mich mit anderen engagierten Menschen zusammen zu tun. Darüber will ich in künftigen Folgen berichten.

Balance: Ein ausbalanciertes Leben oder zumindest so etwas in dieser Richtung ist das Ziel. Für mich auf jeden Fall und immer wieder aufs Neue, auch für Dich?

Jüngst kam die Frage, wie meine Umwelt mit mir umgeht. Ich verrate mal meine Gebrauchsanleitung für mich: fürchte dich nicht, sprich direkt und klar mit mir und wisse, dass nicht alles meiner Krankheit geschuldet ist, jeder Betroffene hat zudem seine ganz eigene Persönlichkeit. Die darin enthaltenen Anlagen, beispielsweise Mitteilsamkeit oder Neigung zum Dramatisieren, werden in manischen oder hypomanischen Phasen verstärkt. Dann nimm mich nicht so ernst und begegne mir bitte geduldig und liebevoll.

Triffst du auf einen hochmanischen Menschen, sorge unbedingt zuerst für dich und sieh ein, dass du ihm vielleicht nicht helfen kannst. Wenn möglich, sei da, sobald der Sturm vorüber ist. Die Konfrontation mit Scham und Scherben ist oft höllisch.

Meine engsten Familienmitglieder und Freunde haben ihre eigenen Antennen und Warnsensoren entwickelt. Sie fürchten meine Phasen – meistens um meinetwillen. Einmal verschob meine Schwester den Besuch ihrer Töchter bei ihrer Tante, als ich ihr nicht ganz geheuer war. Das war schmerzhaft für mich, inzwischen verstehe ich sie.

In der letzten Folge habe ich angekündigt, davon zu berichten, wie ich mit meiner Herausforderung lebe und worin für mich trotz allem das Geschenk meiner Krankheit besteht. Zuerst die Herausforderungen.

Herausforderung #1: Arbeitsleben mit einer bipolaren Störung

Ein erfolgreiches und befriedigendes solches zu führen, stellt bereits für viele Menschen mit normal-neurotischen Stimmungsschwankungen eine große Herausforderung dar. Stimmt’s? Für mich umso mehr. Es begann bereits im Studium.

Direkt nach der Schule studierte ich Kommunikationsdesign. Bei meinem ersten Anlauf zum Diplom strauchelte ich plötzlich. Das war absolut neu und ungewohnt. Was ich damals nicht wusste: ich wurde heimgesucht. Von meinen ersten beiden großen Phasen – erst kam die Depression und anschließend eine sehr verrückte (weil noch unerkannte), extreme und gefährliche Manie.

Die endete in meinem ersten Psychiatrieaufenthalt, wo ich unsanft zur Landung gezwungen wurde. Nachdem dieser erste dreiteilige Tsunami sowie der Schock darüber überstanden waren und ich mich anschließend mühselig neu zusammengesetzt hatte, machte ich im dritten Anlauf mein Diplom. Wie sich herausstellte, hatte einer meiner Dozenten diese Krankheit auch und so begegnete man mir an der FH mit viel Nachsicht und Verständnis. Das war in meinem Berufsleben nicht so.

In meinen Anstellungen in Verlag und Agentur generierte ich während meiner Phasen stets große Fehlzeiten. Irgendwann passte ich also meine Arbeitszeiten meiner geringen Belastbarkeit an und reduzierte auf Halbtags. Meine letzte feste Stelle verlor ich nach vierzehn Jahren durch manische Grenzübertritte. Der neue Juniorchef konnte das Verständnis, das sein Vater jahrelang mit mir gehabt hatte, nicht aufbringen. Gerichtlich für meine Abfindung kämpfen konnte ich nicht, weil bis dahin bereits die Depression das Ruder wieder übernommen und ich keine Kraft mehr hatte.

Arbeitslosigkeit an sich ist schon hart. Mit pathologischen Phasen an der Backe erst recht. Zudem bedingt oft beides einander.

Selbstständigkeit ist in mehrerlei Hinsicht gefährlich für meine Gesundheit: Ist viel bis zu viel zu tun, so lockt bald die Manie, bei zu wenig: die Depression. Finanzielle Unsicherheit und Unregelmässigkeit erhöhen noch die Gefahr in beide Richtungen.

Einen passenden Minijob zu finden, gestaltet sich auch schwierig – meinen letzten, in einem Hotel, musste ich wieder aufgeben – Schichtdienst verträgt sich auf Dauer nicht mit meiner dringend notwendigen Schlafhygiene.

Nach meinem letzten Einbruch vergangenen Sommer beantragte ich Frührente. Sie gilt zunächst für zwei Jahre. Und ja, das IST eine Herausforderung für mein Selbstwertgefühl

Gibt es weitere Herausforderungen? Mindestens drei weitere.

Erstens: meine verhinderte Mutterschaft  – keine eigenen Kinder in diesem Leben … traurig.
Zweitens: Das Beziehungsleben. Bei vielen Betroffenen leidet es sehr. In meiner zweiten Ehe habe ich großes Glück: gegenseitiges Vertrauen, Austausch, Geduld und Verständnis heißen unsere Schlüssel und wir stabilisieren einander.

Drittens: Komorbidität. Fachjargon für: Begleiterkrankung. Diese ist häufig eine Suchterkrankung. Bei Carrie Fisher und meiner Großmutter war es die Alkoholsucht. Bei mir ist es Adipositas. Sowohl die Reaktion meines Körpers auf die Medikamente, als auch mein gestörtes Essverhalten bescheren mir, meine Stimmungs-Aufs und -Abs begleitend, ein weiteres Jojo. Auch gerade jetzt frage ich mich mal wieder, wie (und ob) ich meinem immer wieder massiv werdenden Gewichtsproblem noch begegnen will.

„Bewegung. Draussen. Mit mir“, rät mir Lucie in ihrer unmissverständlichen Hundesprache. Sie liegt geduldig auf meinem Fuß, während ich tippe. Gut, geh’n wir Gassi. Gleich, nachdem ich die Geschenke beschrieben habe.

Das beste Geschenk ist groß. Genau gesagt 1,86 m. Ohne meine Krankheit hätte ich meinen Göttergatten nicht kennengelernt. Allein dafür könnte ich sie fast preisen. Seltsames Schicksal, aber auf jeden Fall ein Ausgleich, der vieles Wett macht.

Auf meiner Suche nach Ventil und Spiegel entdeckte ich, dass ich seit jeher bereits alles hatte: Kunst. Gestalten, Schreiben. Ob Flamenco oder Gospel – Tanz, Perkussion und Gesang lassen mich Heimat fühlen, nähren mich und halten mich geerdet. So habe ich mal eine komische bipolare Flamenco-Revue kreiert. Eine Fortsetzung meiner Bühnen-Aktivitäten halte ich nicht für ausgeschlossen und wünsche mir auch hier Co-Kreation.

Schon in meiner frühen Jugend und erst recht seit meiner Suche nach Heilsamem, bewege ich mich erst recht auch auf dem spirituellen Weg zu mir, nach innen, zu Gott. Und öffne mein Herz weit für andere Menschen, Minderheiten und Bedürftige. Das Leben liebe ich zwar nicht immer, aber in guten Zeiten noch intensiver und bewusster als vor meiner Erkrankung und ich bin dankbar, dass ich schon so oft in meines zurück kehren durfte. Und es weiter geht. Sicherheitshalber erinnert mich das Semikolon-Tattoo  auf meinem linken Daumen daran.

Ja, Lucie – jetzt geh’n wir.

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