Vor einigen Tagen kam der Gründer der Interessensgemeinschaft „Dieser Weg – Zurück ins Leben“ auf mich zu und bat mich meine Geschichte als Gastbeitrag zu veröffentlichen.

Erste Anzeichen für eine psychische Störung gab es schon in meiner Kinder- und Jugendzeit. Man war ein introvertierter Junge, der Ärger und ähnliches heruntergeschluckt hat. Die Jahre gingen ins Land. Man absolvierte die Schule und die Ausbildung zum EH-Kaufmann ordentlich. Im Jahr 2005 kamen dann die ersten Selbstmordgedanken. Total überraschend. Und zwar kamen sie immer dann, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit (damals eine Pflegestation für Senioren) über eine bestimmte Eisenbahnbrücke ging. Eine „gebogene“ Brücke. Wieder und wieder stellte ich mir die Frage „Woher kommen diese Gedanken?“. Ich vertraute mich meiner Pflegeleitung an und ich war danach wie verwandelt. In den nächsten 2 Jahren gab es keine weiteren Selbstmordgedanken. Viel eher hatte ich mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Bis zum Winter 2007/2008.

Zu diesem Zeitpunkt war ich als Fernfahrer für eine hessische Spedition tätig. Deutschlandweit. Im Süden der Republik gibt es viele Brücken und Täler. Und just zu diesem Zeitpunkt kamen die Selbstmordgedanken wieder. „Wie wäre es, wenn ich jetzt mit dem LKW die Brücke herunterfalle?“, schoss es mir durch den Kopf. Es war wieder eine „gebogene“ Brücke. Kein Hochhaus oder anderes Gebäude. Immer wieder diese Art von Brücken. Bevor noch etwas passiert, was ich nicht will, habe ich mich meinem Hausarzt anvertraut. Dieser überwies mich noch am gleichen Tag zu einem Facharzt für Psychiatrie. Der Facharzt hörte sich meine Geschichte an und fackelte nicht lange. Er wies mich sofort in eine psychiatrische Klinik ein. Ich musste beim Arzt warten, bis ein Taxi mich zur Klinik fuhr. Kein Zwischenstopp zu Hause, um ein paar Sachen zu holen. Auf direktem Weg in die Klinik. Auf die geschlossene Abteilung. Bei Ankunft gab es ein Aufnahmegespräch mit dem Oberarzt und der Stationsärztin. 2 Stunden lang. Am Ende durfte ich am gleichen Tag wieder nach Hause. Krankschreibung und Weiterbehandlung mit Antidepressiva (3 Wochen). Und wieder sollten 2 Jahre ohne nennenswerte Vorkommnisse vergehen.

Im Sommer 2010 genoss ich meinen Urlaub daheim in Mecklenburg-Vorpommern. Hier wurde mir bewusst, was mir in Hamburg fehlt > meine Familie (Mama, Stiefvater, Hund). In Hamburg absolvierte ich zu der Zeit eine Ausbildung zum Altenpfleger. In den 2 Wochen Heimaturlaub erörterte ich die Möglichkeit meine Ausbildung in MV zu beenden. Entschied mich jedoch für Hamburg. Es war und ist nicht meine Art aufzugeben. Zurück in Hamburg und mit Beginn des zweiten Ausbildungsjahres vertraute ich mich einer weiteren Person an > unserer Schulpsychologin. Während wir in den nächsten 12 Monaten in etwa alle 2 Monate ein Gespräch hatten, wurden die Sitzungen im Jahr 2011 fast zur täglichen Routine.

Meine psychische Verfassung verschlechterte sich zunehmend. Ich fehlte oft krank, konnte mich nur schwer konzentrieren/schlafen und war gegenüber meinen Mitmenschen gereizt. Ich verschloss mich und zog mich immer weiter zurück. Jedes Wort oder jede Kleinigkeit nahm ich persönlich und interpretierte es so, dass ICH verletzt wurde. Wie ich durch mein Verhalten andere verletzt habe, nahm ich nicht wahr. Und dieses Mal halfen keine Gespräche mehr oder Unternehmungen mit Freunden. An freien Tagen, ohne Kontakt zur Außenwelt, war es besonders schlimm. Ich verkroch mich unter meine Decke, ließ Niemanden an mich heran und meine Gedanken kreisten im Kopf „Wie kann ich diese Situation beenden?“. Und dieses Mal hatte ich keine Brücke zur Verfügung. Wenn ich denn mal unterwegs war, habe ich (fast) ausschließlich Augen für große Gebäude gehabt. Ich wollte in den Tod stürzen und nicht mich mit Medikamenten und Alkohol vergiften oder mir die Pulsadern aufschlitzen. Auch Ritzen oder andere körperliche Selbstverletzungen kamen nicht in Frage. Es hieß „entweder oder“. Entweder ich springe rückwärts von einem großen Gebäude herunter oder ich lasse mich in eine psychiatrische Klinik einweisen.

Letzteres sollte sich für die beste Entscheidung meines Lebens herauskristallisieren. An meiner Seite standen > meine Schulpsychologin, meine Schulleiterin und mein Hausarzt. Am 09.01.2012 hatte ich also die Entscheidung getroffen, gesund zu werden. Am 10.01.2012 betrat ich eine andere Welt. In der ersten Woche habe ich so viel geschlafen wie lange nicht mehr. Morgenrunde, Frühstück, Therapie, Mittag, Therapie/frei, Abendessen, frei > so sah mein Tag für die nächsten Wochen aus. Und man musste sich nicht verstellen. Man wurde so angenommen wie man war. Wollte man seine Ruhe, dann hat man sie auch bekommen. Und es wurde nicht über die verschiedenen Krankheiten/Störungen geredet. In meinem Gespräch mit der Stations- und Oberärztin bekam ich die Diagnose „kombinierte Persönlichkeitsstörung“ (narzisstisch-schizoide Persönlichkeitsstörung) mit schwerer depressiver Episode. Die nächsten 5 Wochen blieb ich auf der „offenen“ Station der psychiatrischen Klinik.

Am 01. März fühlte ich mich wieder bereit für die Arbeit. Doch ich habe mich nur selbst belogen. Als ich bei einem Bewohner/Patienten stand und ihm die Kompressionsstrümpfe anziehen sollte, stand ich wie versteinert da. „Was mache ich hier? Kann ich das überhaupt?“, schoss es mir durch den Kopf. Bis zum Dienstende habe ich durchgehalten und ging danach direkt zu meinem Hausarzt und ließ mich weiter krankschreiben. Ich wusste aber, dass ich weiterhin Hilfe brauchte und auch wollte.

Also rief ich am nächsten Tag bei einer psychiatrischen Tagesklinik für eine teilstationäre Behandlung an. Wartezeit bis zu 12 Wochen. In dieser Zeit lag ich meistens auf dem Sofa, habe meine Lieblingsserie rauf und runter geschaut, geschlafen und mir Gedanken darum gemacht wie ich diese Situation beenden kann. Ein für allemal. Ich war so depressiv, dass ich zum Einkaufen frühmorgens um 7 Uhr gegangen bin, da ich bei Menschenansammlungen Angst- und Panikattacken bekommen hätte. Nach circa 10 Wochen kam dann ein rettender Anruf von der Tagesklinik. Ich habe einen Platz bekommen.

Auch hier war ich froh nicht alleine gewesen zu sein und man mich so akzeptierte wie ich war/bin. In der Woche gab es 4 Sitzungen > Gruppenrunde am Montag und Freitag, wöchentliche Einzelsitzung sowie eine weitere Gruppenrunde, tgl. mindestens 1-mal Therapie. Und zu jeder Zeit konnte man sich Jemanden anvertrauen. 4 Wochen lang ging es mal bergauf und bergab. Dann gab es eine Situation, die (fast) alles verändert hat. In einer der Gruppenrunden ging es um die Themen „Masken, Stolz und Vorurteile“. Die Gruppe setzte sich mit der eigenen Person, der Familie und der Gesellschaft auseinander. Am Nachmittag des gleichen Tages hat es bei mir „Klick“ gemacht. Als wenn ein Schalter umgelegt wurde, verspürte ich eine Leichtigkeit in meinem Tun. So als wenn ich schwebte oder mir Zentnerlasten vom Herzen gefallen waren. Ein Lächeln durchzog mein Gesicht von einem Ohr zum Anderen. Es war ein Glücksgefühl. Das konnte nicht echt sein. Aber es hielt an. Bis zum Ende der teilstationären Behandlung. Mir wurde geraten eine ambulante Tiefenpsychologische Gesprächs- und Verhaltenstherapie zu machen, um mich weiterhin zu stabilisieren. Natürlich nahm ich das an.

Zwischen dem Ende der Tagesklinik und dem Beginn der Gesprächs- und Verhaltenstherapie lagen 3 Wochen. In diesen Tagen begann ich wieder zu arbeiten. Nach einem Einarbeitungsmanagement. In der ersten Woche täglich 4 Stunden. In der zweiten Woche täglich 6 Stunden und ab der 3. Woche wieder Vollzeit. Mir wurde von der Schule angeboten mein 3. Lehrjahr in nur 6 Monaten zu absolvieren, sodass ich im Winter 2012/2013 mein Examen machen konnte. Dies lehnte ich mit der Begründung ab, dass ich mir keinen Stress machen wolle und so auch meine Genesung nicht gefährden wollte.

In den Gesprächen, 1-mal wöchentlich, mit meiner Therapeutin ging es am Anfang darum sich kennenzulernen und zu vertrauen. Nach 3 Monaten etwa fingen wir an nicht mehr an der Oberfläche zu bohren. Nun musste ich mich meiner Vergangenheit stellen. Es war teilweise sehr schmerzhaft, aber als wir dem Grund meiner Störung näher kamen, war es wie eine Befreiung für mich. Ich sah meine Vergangenheit (negatives und positives) in einem anderen Licht. Dies hatte Auswirkungen auf meine Zukunft. Aber alte, in Stein gemeißelte, Verhaltensweisen (eigenes Glück kaputt machen, perfekt sein, …) sind sehr schwer abzulegen. Aus diesem Grund und weil ich mich weiter stabilisieren wollte, setzte ich die Therapie bis zum Frühjahr 2014 fort. In dieser Zeit lief es im beruflichen Alltag sehr gut. Keine Rückfälle. Bis zu dem Zeitpunkt als ich im Winter 2013/2014 mit meiner damaligen Freundin, zur Probe, zusammengezogen war.

Ich wurde wieder depressiv, war häufiger krank gemeldet und zog mich in meine eigene Wohnung zurück. Auch auf Arbeit war mir das zu viel geworden in einem Team zu arbeiten. Ich entschied mich Hamburg zu verlassen und zurück nach MV zu gehen. Und wieder als Fernfahrer zu arbeiten. Doch auch diese Arbeit hielt nicht lange. Der Auslöser war ein Arbeitsunfall. Nach 2 Wochen stieg ich wieder in den LKW. Und schon wurde es mir zu viel. Lange unterwegs, kaum Schlaf und Angst-/Panikattacken. Die Kündigung der Arbeit war der notwendige Schritt.

Wieder war ich krankgeschrieben. Ein ewiges hin und her. Auf und ab. Gute Laune, schlechte Laune. Ich vertraute mich meinem ehemaligen Facharzt für Psychiatrie an. Doch diesmal wies er mich nicht in eine geschlossene Abteilung ein. Er setzte neue Medikamente an. Gegen eine bipolare Störung (manische Depression). Zusätzlich habe ich auch akzeptieren müssen, dass meine Störung ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Im Januar 2015 begann ich wieder mit der Arbeit als Fernfahrer. Und bin seither ohne Rückfall. Natürlich habe auch ich, wie jeder andere Mensch, gute und schlechte Tage. Aber davon lasse ich mich nicht mehr unterkriegen oder mein Leben beeinflussen.

Jedem Menschen, Betroffenen oder Angehörigen, dem ich meine Geschichte erzähle, sage ich voller Inbrunst, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war mich in psychiatrischer Behandlung zu geben. Doch man muss es auch selbst wollen. Man muss sich von altem lösen, um neues zu erreichen. Es ist ein langer und schmerzhafter Weg. Doch er lohnt sich. Versprochen. Ich bin mit meinem jetzigen Leben glücklich und zufrieden. Jeder Tag ist ein Geschenk. Und sollte ich sterben müssen, dann bin ich mit mir im Reinen. Es ist mir wieder möglich Menschenansammlungen zu akzeptieren und in einem Team zu arbeiten. Auch bin ich noch weiterhin in Kontakt mit meiner Schulpsychologin. Einmal im Quartal habe ich ein Gespräch bei meinem Facharzt für Psychiatrie. Nehme meine Medikamente (ohne sie geht es nicht) regelmäßig und spreche offen über meine Erkrankung. All das zusammen gibt mir Stabilität.

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