Kommste auch zu mir, Zweitausendsiebzehn?

Neues Jahr, neues privates oder berufliches Glück. Neue Chancen, frische Impulse gewinnen für 2017. Als wäre das alles so einfach. Besonders für einen psychisch Kranken. Egal ob Frau oder Mann. Unabhängig vom Alter. Es fällt ja schon schwer genug, sich selbst solch eine Hürde einzugestehen, geschweige denn mit anderen Menschen, vielleicht sogar mit bisher Fremden, darüber zu sprechen.

Wenn ich Erledigungen mache oder mal wieder irgendwo im Wartezimmer einer Arztpraxis sitze, werde ich manchmal ganz traurig. In solchen Momenten beneide ich dann nämlich alle Menschen, die ich um mich herum sehe. Denn ich denke, alle, außer mir haben ein „normales“, geregeltes Leben. Meist gipfeln diese Gedanken dann in Annahmen wie:

Alle haben ein erfülltes Leben im Alltag – und jetzt am Neubeginn des Jahres 2017: Jeder hat eine Zukunft, bloß mir wird sie verwehrt. Vielleicht kennen Sie ähnliche Stimmungen, die ich oft nur schwer aushalten kann. Gelegentlich frage ich mich natürlich auch, ob die flüchtigen Eindrücke, die ich von diesen Menschen habe, zutreffen. Vielleicht sind darunter auch Angstgeplagte oder Depressive, oder, oder … und ich erkenne sie bloß nicht. Wer in einem Stimmungstief steckt, verliert sehr schnell den Blick für die Realität. Wer selbst gelegentlich oder sogar sogar regelmäßig graue Stunden durchmacht ahnt was mir gerade durch den Kopf geht.

Über Zukunft nachzudenken schmerzt, wenn die Gegenwart klemmt

 

Am Ende eines alten Jahres wurde ich auch ohne Depression schon immer ziemlich sentimental. Die Zeit zwischen den Jahren hatte für mich meist mit Rückblick halten – und somit auch mit dem Bewerten meiner Energie, Taten und Ziele zu tun. Mit 61 Jahren stelle ich in diesem Jahr „überraschend“ fest: Meine Gesundheit ließ ich dabei völlig außer acht. Schade, denn die Quittung, einen körperlichen und psychischen Zusammenbruch erhielt vor etwa 12 Monaten. Daran knabbere ich noch immer. Deshalb stelle ich mir jetzt im Zwiegespräch die Frage: Kommste auch zu mir, Zweitausendsiebzehn? Ich hoffe doch, fragt sich bloß in welcher Form.

Jahreswechsel, ganz ohne Rummel. Geht das überhaupt?

 

Als stiller Mensch halte ich von üppigen Feiern, übrigens jeder Art, sehr wenig. Überhaupt – ich scheue große Menschenansammlungen, Krach und Radau. Aber die Entscheidung, ob – und in welcher Form das 2017er begrüßt wird, klärt sowieso jeder für sich selbst. Ich persönlich brauche allerdings viel Zeit, um über mich nachzudenken. Grübeln lässt sich nicht um 12.00 Uhr Mitternacht ausknipsen. So freue ich mich trotzdem auf das Kommende. Ich bin ganz ehrlich, wenn auch mit einer großen Portion Zukunftsangst.

Alle, die psychisch gesund sind, bitte ich: Achten Sie in diesen Tagen ganz besonders auf Anzeichen, die verraten, dass sich die Menschen in Ihrem häuslichen Umfeld, der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder im Arbeitsleben sich psychisch unwohl fühlen. Bieten Sie Hilfe an. Schließen Sie niemanden, auch nicht gedanklich, aus.

Und falls erforderlich, lassen Sie sich als Betroffener oder Angehöriger zum Themenkreis Angst, Depression, PTBS oder Dissoziative Störungen beraten. Nehmen Sie rechtzeitig professionelle ärztliche Hilfe in Anspruch. Eine weitere Möglichkeit: Besuchen Sie die Selbsthilfegruppe „Dieser Weg zurück“. Erste Informationen finden Sie hier auf dieser Internetseite.

Einen gesunden Jahreswechsel und für 2017 Glück, in jeder Form.

Autor: Gerhard Ernest