Die bipolare Muse“ heißt mein Internet-Projekt mit Blog und Vlog. Abgesehen davon heiße ich Nathalie und wenn ich nicht küsse, spinne ich. Im Duden wird spinnen so erklärt: „verschiedene Fasern zu einem Faden drehen“ oder „durch skurriles, spleeniges Verhalten auffallen“ oder „sich etwas ausdenken, fabulieren, erdichten“. Passt.

Da glücklicherweise zum Thema Depression in den letzten Jahren soviel öffentliche Aufklärung stattgefunden hat, muss ich diese Krankheit nicht mehr erklären, nehme ich an. Was jedoch ist eine Manie, wie fühlt sie sich an?

Wie geht es dir, wenn du frisch verliebt bist? Oder wenn eine schwierige Zeit hinter dir liegt und du spürst, dass es für dich wieder aufwärts geht? Wie geht es dir, wenn du eines deiner Ziele erreicht hast? Kennst du das Gefühl, du könntest vor Freude abheben und vor lauter Energie Bäume ausreißen? Oder im Akkord einen ganzen Wald anpflanzen? Dieses absolut überschäumende Glücksgefühl, du spürst das Leben mit jeder Faser, liebst die Welt die Menschen, Dich selbst, alle Wesen und siehst voller Zuversicht in die Zukunft? Ja eben – wie wenn Du verliebt wärest. Kennst Du dieses Gefühl auch ohne Verliebtsein oder andere Drogen? Keine Grenzen mehr für dich. Tausend Ideen pro Sekunde. Du bist schnell. Und genial. Willst dich mitteilen, immer mehr, doch… irgendwann kann dir niemand mehr folgen? Oder schlimmer noch: Du benimmst Dich wie ein Internet-Troll? Es ist, als bräuchtest du keinen Schlaf, kaum Essen? Du hast keine Ängste mehr und auch sonst keine düsteren Gefühle außer vielleicht… mit der Zeit… eine langsam aber stetig wachsende Ungeduld und Reizbarkeit…

Ja, die Manie fühlt sich zunächst fantastisch an, wünschenswert gar – doch unbehandelt kippt sie, der manische Mensch brennt aus, vereinsamt und kann psychotisch werden. (Psychose = Überbegriff für schwere psychische Störungen, bei denen Betroffene zeitweise den Bezug zur Realität verlieren.)

Es geht um alles. Und um haben oder sein. Wie ist das mit so genannten chronischen und oder erblichen Krankheiten? Hat man die? Und wo? Umgangssprachlich an der Backe. Da habe ich genau genommen sogar zweierlei: erstens eine so genannte psychische Krankheit und zweitens eine Diagnose. Die Krankheit hatte schon meine Großmutter sowie ihre beiden Söhne wovon einer mein Vater ist wie auch mein Cousin. Andere Verwandte hatten unipolare endogene Depressionen.

Während meines ersten Psychiatrie Aufenthaltes im April 1994 in Goddelau erhalte ich sie, meine schulmedizinische Diagnose: Bipolar I. Über Fluch und Segen einer Diagnose werde ich vielleicht einmal einen separaten Artikel schreiben. Ebenso über die Klassifizierung innerhalb des bipolaren Krankheitsbildes. I ist heftiger als II, klar, wenn schon denn schon, ich gehe eben immer in die Vollen! Tatsächlich bin ich ja schon froh, dass ich nicht die zyklothomische Variante habe, da wechselt die Stimmung mehrfach am Tag aufs Extremste – und ohne Pause.

Die Pause heißt im Fachjargon „euthymer Zustand“ und meint alles im grünen Bereich. In dem befinde ich mich gerade jetzt, während ich dies schreibe. Meine Psychiaterin, die mir meine tägliche Lithium-Prophylaxe verschreibt, würde sicher vermuten, ich sei noch ein klein wenig hypo, also „hypoman“, wie die leichte, sozialverträgliche Form der Manie bezeichnet wird. Dabei war ich schon immer der heitere, lebenslustige und kreative Typ. Ja, die Grenzen sind fließend und wer in Deutschland manisch ans Krankenhausbett fixiert wird, würde in indigenen Kulturen möglicherweise als Erleuchteter geehrt. „CRAZYWISE – rethinking Madness“ heißt der Film dazu. (https://crazywisefilm.com/)

Viele Menschen, die unsere Welt mit ihrer Kunst bereichert haben bzw. bereichern, litten bzw. leiden an der bipolaren Störung. Robert Schumann, Vincent van Gogh, Virginia Woolf, Sylvia Plath, Ernest Hemingway, Hermann Hesse, Ludwig van Beethoven, Britney Spears, Sting, Falco, Jean Claude van Damme, Carry Fisher, Demi Lovato, Stephen Fry, Mel Gibson, Jim Carrey,…

Auch vor den Promis machen die schweren sozialen Folgen manchmal nicht Halt. Finanzieller Ruin, Verlust von Job, Leumund, Freunden und Partnern sowie Begleiterkrankungen wie Alkoholismus oder Adipositas gehen oft einher mit der Phasen-Achterbahn.

Seit jenem Frühling vor 22 Jahren, als nicht nur das zarte Grün, sondern auch meine erste und extremste Manie voll aufblühte, war ich noch dreimal in psychiatrischen Kliniken. Bis heute. Meist wegen schwerer Depression, dem lebensgefährlichen Pol der Störung, die früher „Manisch-depressives Irresein“ lautete. In Französisch, der Muttersprache meiner Mutter klingt es hingegen viel lieblicher: „La folie circulaire“. Zu deutsch: zirkulierender Wahnsinn.

Ja das stimmt, er steht nicht still, der Wahn, er kommt und geht. Und kommt und geht, wieder und wieder. Nach der Phase ist vor der Phase – und genau das ist der schmerzlichste Aspekt für mich. Das macht mittel- und langfristiges Planen schwierig und jede Freude, wenn ich mal wieder eine schwere Phase überstanden habe, wird sogleich von dem sicheren Wissen getrübt, dass ich den Mist sehr wahrscheinlich nie ein für alle Mal hinter mir gelassen habe. Überhaupt muss ich immer aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr freue, dass es mir nicht zu gut geht. Das nervt.

Und egal, was ich lerne, weiß, übe, denke, glaube – die Chose ist biochemisch. In meinem Gehirn. Da gibt es den point of no return, dann kann ich mir selbst nicht mehr helfen. Grausame Ohnmacht. Dann hat es mich am Wickel. Es lässt mich sterben wollen oder glauben, ich sei steinreich oder die Auserwählte.
Genau darum und weil laut mancher Statistiken 20% Prozent frühzeitig daran sterben (durch Suizid), wird die bipolare Störung als schwerwiegende Krankheit eingestuft, genau darum habe ich einen Ausweis, auf dem 60% schwerbehindert steht und darum bin ich mit meinen zarten 45 Lenzen just Frührentnerin geworden. Ob ich das bleibe, entscheide ich spätestens in zwei Jahren neu und das ist auch ein Artikel für sich.

Warum ich mich insgesamt dennoch als Glückskind empfinde, worin für mich trotz all des Mistes das Geschenk meiner Krankheit besteht und wie ich mit meiner Herausforderung lebe, darüber mehr in der nächsten Folge von „Nathalie spinnt“.

Und weil ich dafür brenne, aufzuklären, Berührungsängste, Stigmata und die unerkannte Dunkelziffer Betroffener abzubauen sowie Mut zu machen, freue ich mich über Fragen!

Autor/in: Nathalie Karg

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