provinz

Vorab: Ich bin hier im Weinlandkreis geboren und lebe hier sehr, sehr gerne. So spiele ich mit dem überstrapazierten Klischee, Provinz, auch nur um darauf hinzuweisen, dass der Alltag eines Depressiven, als chronisch Angstgetriebene oder als Jugendlicher ADHS-Patient im Umfeld vermeintlicher Anonymität vermutlich einfacher zu bewältigen ist.

Über gängige Vorurteile hinsichtlich psychisch Kranker Obwohl die Medien täglich rund um die Uhr über alle Arten von Krankheiten berichten, obwohl mittlerweile viele Familien, Arbeitgeber oder Partnerschaften von den Auswirkungen psychischer Krankheitsbilder betroffen sind: In vielen Fällen wird eisern darüber geschwiegen. Nach dem Motto, was sollen denn die Leute von mir oder über uns denken, wird ge- und verschwiegen, wenn es um ein seelisches Leiden geht. Leider siegt die Scham über die Vernunft. Die Angst, erkannt zu werden, als labil, unzuverlässig und gar als Weichei, Drückeberger oder faul zu gelten, hindern so manche Betroffene oder dessen privates Umfeld offen zur Krankheit, beispielsweise einer Depression zu stehen.  Was mich betrifft, dachte ich zu lange Zeit ebenso. Es kostet extrem viel Kraft, die Fassade der Tapferkeit aufrecht zu halten. Die Werbung gaukelt uns auf allen Kanälen das menschliche Idealbild vor. Da heißt es Überwiegend jung und unkompliziert sein. Unkritisch sein. Konsumieren, was das Zeug hält. Wer nicht ständig jubelt, unter Gefühlsschwankungen leidet zumindest in seiner Freizeit das ultimative Abenteuer oder eine Dauerberieselung per Smartphone sucht, wird ganz schnell als Spaßbremse, unkollegial oder menschlich schwierig abgestempelt. Und was die Kraft der Werbung nicht vermag, flößen uns vor Selbstbewusstsein Strotzende ein.  Ganz ehrlich, irgendwann findet man sich mit solchen oder ähnlichen Vorurteilen ab. Schlimmstenfalls hinterfragt man Spitzfindigkeiten dieser nicht mehr, sondern nimmt die entsprechende Rolle an Ð und verkriecht sich im selbstgewählten Schneckenhaus. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich spreche.  Selbstakzeptanz ist die Voraussetzung zur Annahme von Hilfe. Rückblickend betrachtet brauchte ich fast 10 Jahre, um zu erkennen: Eine Depression ist keine Schande, sondern eine Krankheit, die ich mir nicht ausgesucht habe. Symptome, dass ich mental aus dem Ruder laufe äußerten sich bei mir durch starke innere Unruhe, Vergesslichkeit, chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit, psychosomatische Beschwerden sowie im Endstadium über anhaltende Angst- und Panikattacken. Ich funktionierte fast 60 Jahre ohne ernstzunehmende gesundheitliche Beeinträchtigungen. Dass ich salopp formuliert ziemlich neben der Spur laufe konnte ich mir spätestens Anfang November 2015 nicht mehr schönreden. Plötzlich befand ich mich in der bisher schwierigsten Phase meines Lebens. Will sagen, knapp 60jährig steckte ich tief in einer Sinn- und Lebenskrise.  Ein Psychiater, bei dem ich zur Gesprächstherapie in Behandlung war, ein Neurologe sowie mein Hausarzt attestierten mir eine schwere Depression, die ich wohl alleine nicht mehr in den Griff bekommen werde. Alle ärztlichen Empfehlungen dieser Art ignorierte ich hartnäckig. Ich betrog mich erfolgreich über viele Wochen selbst. Und zwar solange bis ich eines Tages nach Suizid-Arten im Internet Ausschau hielt. Erst ganz am Ende dieser fast lebensbedrohlichen Phase, dem körperlichen und psychischen Zusammenbruch nahe, befolgte ich widerwillig den ärztlichen Ratschlägen. So wurde ich etwa vier Monate lang in einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin behandelt. Die ersten sechs Wochen auf einer medizinischen Station, anschließend erfolgte eine Psychotherapie. Anfangs verweigerte ich auch in der Klinik mir selbst einzugestehen, dass ich ernsthaft krank bin. Trotz großer Scham wurde mir irgendwann bewusst, entweder ich öffne mich für die professionelle klinische Behandlung. Andernfalls liefere ich mich selbst dem Untergang aus. Aus Gesprächen mit Betroffenen oder früheren Mitpatienten weiß ich, dass die Scham als psychisch Kranker erkannt zu werden häufig ein Grund ist, weshalb Therapieaufenthalte in spezialisierten (Tages-)Kliniken lieber weit weg vom Wohnort, dem Landkreis oder dem Bezirk gewünscht werden, statt die nächstliegend möglichen Behandlungsstätten aufzusuchen. Sie sehen, hier sind wir schon wieder beim Klischee der vermeintlich fehlenden Anonymität der Provinz gelandet.  Nachsorge und Prävention   Vor etwa acht Monaten wurde ich aus der Klinik entlassen. Was ich bereits aus etlichen anderen Verabschiedungen durch das Klinikpersonal wusste, galt ab Mitte März 2016 auch für mich: Die eigentliche Behandlung beginnt erst nach der Entlassung. Ich versichere Ihnen, diese Erfahrung ist zwar sehr schmerzvoll, aber hundertprozentig zutreffend.  Während meines Klinikaufenthaltes erlebte ich, dass die behandelnden €Ärzte fallweise mobile Behandlung durch externe Fachleute anbieten. Klassische weitere Hilfe bieten Psychotherapeuten, Hausärzte und viele weitere spezialisierte Dienstleister rund um psychosoziale Leistungen.  In meinem Fall: In regelmäßigen Abständen suche ich meinen Hausarzt sowie Fachärzte auf. Vorsorglich bitte ich darum die Bewältigung psychischer Krankheiten, auch solcher, die Sie vielleicht selbst noch gar nicht erkannten, rechtzeitig ausschließlich mit €Ärzten abzustimmen. Was hingegen auf jeden Fall zu empfehlen ist, sind Kontakte zu Ð oder regelmäßige Besuche von Selbsthilfegruppen. Ein entsprechendes Verzeichnis bietet das Landratsamt Kitzingen, in dem Sie Adressen und Ansprechpartner unterschiedlichster Selbsthilfegruppen finden. Gegebenenfalls hilft auch in diesem Punkt Ihr Hausarzt weiter.  Vom Leben hinter der Maske  Niemand gesteht sich gerne ein, dass die körperliche Leistungsfähigkeit nachlässt. Oder dass ein Treffen von Entscheidungen – und zwar jeder Art – für eine psychisch kranke Person zur Hülle werden kann. Hinzu gesellen sich meistens Grübeleien , die sich in manchen Fällen zu Dauerschleifen verfestigen. Was da noch von einem Menschen übrigbleibt, ist oft nur eine Hülle. Auch das habe ich selbst erlebt, aber viel zu lange ignoriert. Um meinen psychischen Zustand zu vertuschen, legte ich mir eine Maske zurecht. So wehrte ich mich gegen gutgemeinte Ratschläge, aber auch gegen Geschwätz wie – Hab Geduld, das wird schon wieder. Schön wär’s! Dass mit psychischen Krankheiten niemand konfrontiert werden will, spürte ich sogar in meiner tiefschwarzen Zeit. So hörte ich gelegentlich aber heute fühlst Du Dich aber besser, oder, was für verunsicherte Menschen, die mit mir zu tun hatten gelegentlich als Vorwand diente, sich nicht näher mit meiner Depression auseinandersetzen zu müssen. Deshalb empfand ich die Schutzmaske damals ziemlich praktisch. Denn auf diese Weise hatte ich meist schnell meine Ruhe. Und die Menschen um mich herum waren beruhigter, denn mein schauspielerisches Talent überzeugte offensichtlich. Übrigens hörte ich von vielen Mitpatienten in der Klinik, dass sie ähnlich reagierten. Immer schön Schauspielern. Und zwar auch vor sich selbst. Während der medizinischen Behandlung im Krankenhaus, spätestens aber bei Beginn meiner psychotherapeutischen Therapie wurde ich demaskiert. Das empfand ich sehr schmerzlich. Nur zu gerne hätte ich weiterhin Stärke vorgetäuscht. Plötzlich fühlte sich mein Innerstes nackt und hohl an. Ein Zustand, der nur zu beschreiben ist. Heute, fast acht Monate nach meinem Klinikaufenthalt versuche ich auch mir selbst gegenüber meine Depression nicht länger zu verstecken, sondern gehe offen damit. Das ist zwar sehr befreiend, erfordert oft aber extrem viel Mut und Kraft. Für den Umgang mit psychischen Erkrankungen gibt es leider kein Musterrezept. Allerdings ermutige ich Sie, seien Sie offen. Suchen, fordern und nehmen Sie Hilfe an.  Häufig: Beklemmung, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen  Vermutlich ging es mir wie vielen anderen Menschen, die psychisch erkrankten: Hilfe sucht man sich meist erst, wenn sowohl der Wunsch nach einer Veränderung als auch der Wille, einstudierte Verhaltensmuster ernsthaft zu hinterfragen spürbar wächst.  Auf die von Annika und Alex Bothe gegründete Selbsthilfegruppe „Dieser Weg -zurück ins Leben“  wurde ich im Januar 2016 beim Lesen einer regionalen Tageszeitung aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich noch in der Klinik. Erstmals war ich nur neugierig. Auch ein Mitpatient erzählte mir davon, er habe diese Gruppe schon mehrfach besucht. Seit April dieses Jahres besuche ich monatlich einmal die Gruppe I „Betroffene von Depression“.  Einer der Hauptgründe meiner Besuche liegt darin, mich mit Leidensgenossen, was ich in diesem Zusammenhang keinesfalls negativ meine, unterhalten zu können. Als Introvertierter und Alleinlebender sind diese Treffen für mich die Gelegenheit, mich ungekünstelt mit Menschen zu unterhalten, die ähnlich ticken wie ich. Wie schon zuvor kurz beschrieben, ist das Tragen einer Maske sehr belastend und nagt mittel- und langfristig am Selbstwertgefühl. Denn ich wünsche mir, dass ich auch mit (m)einer Depression akzeptiert werde und nicht die Person, die  ich durch das Maskentragen vorspiegele.   Von den unterschiedlichsten Arten der Beklemmung, sich für den Besuch einer Selbsthilfegruppe zu entscheiden, höre ich öfters. Eines der weitverbreiteten Negativ-Vorstellungen bezieht sich auf die Stimmung, die so manche Personen erwarten: Gegenseitiges Bejammern, hängende Schultern und stockende Gespräche. Jedes Klischee lässt sich totreiten. Vielleicht finden auch Sie es müßig, darüber zu philosophieren. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns demnächst mal.  Gegen Ende meines Klinikaufenthaltes entdeckte ich in der örtlichen Buchhandlung eine Postkarte mit der Aufschrift „Mut tut gut“. Obwohl diese Postkarte nur einen Euro kostete, schlich ich tagelang um sie herum. Ich fand mich damals offensichtlich noch nicht mutig genug. Heldenmut fehlt mir allerdings noch immer. Mehr und mehr versuche ich mich darin, wegen meiner Depression weniger Angst zu haben.  Übrigens sind €Ängste, mal mehr, mal weniger intensiv ausgeprägt noch immer meine ständigen Begleiter.  Hier, am Ende wollte ich noch etwas Motivierendes schreiben. Obwohl, mit der richtigen Einstellung ist die Betrachtung, zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben meine verschlüsselte Botschaft: Passen Sie gut auf sich auf!

Gerhard

#Psyche #DieserWegZurück  #Depression  #notjustsad

 

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