Die Psychologie der RADIKALISIERUNG

Aus gegebenem Anlass, stellt ich für uns die FRAGE „Wie bringt man einen Menschen dazu, ich selbst in die Luft zu sprengen oder Attentate wie in Paris zu begehen?

Der Weg zum Terror

Wer wird warum zum Attentäter? Diese Frage stellte sich der amerikanische Psychiater und Terrorismusforscher Marc Sageman immer und immer wieder. Er studierte unter anderem die Biografien von Hunderten von islamistischen Terroristen aus dem Umfeld der Täter des 11. September. Die üblichen Vorstellungen über diese Personen fand Sageman nicht bestätigt: Sie kamen nicht aus den ärmsten Ländern der Welt wie etwa Afghanistan. Sie waren nicht mittellos, sondern stammten überwiegend aus der Ober- und Mittelschicht. Sie wuchsen auch nicht in problematischen Verhältnissen auf, sondern in intakten, liebevollen, nur schwach religiösen Familien. Traumatische Erlebnisse fand Sageman nur sehr wenige. Mehr als 60 Prozent der Terroristen besaßen eine Collegeausbildung. Es gab unter ihnen keine bereits zuvor gewalttätigen Kriminellen und weniger Personen mit psychotischen Symptomen als in der Allgemeinbevölkerung.

Sie sind also, so Sageman, „neither bad nor mad“ (weder böse noch verrückt). Die Handlungen der Gotteskrieger lassen sich besser durch die Umstände zu dem Zeitpunkt, als sie dem Dschihad beitraten, erklären als durch individuelle Eigenschaften, so der Experte.

Der Anthropologe Scott Atran hat sich die sozialen Zusammenhänge und Situationen, in denen junge Menschen sich radikalisieren, vor Ort angeschaut: in Marokko und auf Sulawesi (einer Hochburg militanter Islamisten in Indonesien), im Gazastreifen und in Pakistan. Er ist einer von ganz wenigen, die mit Terroristen selbst gesprochen haben. Seine Forschungsergebnisse:

Islamistische Terroristen, so sagt er, sind meist junge muslimische Männer in Umbruchsituationen wie Immigranten, Studenten und solche, die nach Freunden, einer Partnerin oder einem Job suchen. Außerdem fühlen sie sich (ökonomisch, sozial, politisch) marginalisiert. 70 Prozent der Personen in Sagemans Studie lebten im Ausland, als sie dem Dschihad, dem heiligen Krieg beitraten, weitere 10 Prozent waren maghrebstämmige Einwanderer der zweiten Generation in Westeuropa. Junge Menschen also, die – oft in einer fremden Kultur – auf der Suche nach einer sozialen Identität sind.

Es sind mehrere Faktoren, die junge Muslime dazu bringen, sich zu radikalisieren. „Die Jugend bevorzugt im Allgemeinen Taten, nicht Worte, und Herausforderungen, nicht Ruhe. Das ist ein wichtiger Grund, warum sich so viele, die gelangweilt, unterbeschäftigt und überqualifiziert sind und wenig Hoffnungen für die Zukunft haben, gemeinsam mit ihren Freunden dem Dschihad zuwenden“, so Atran. Was diese entfremdeten und gelangweilten jungen Männer suchen, sind, so Atran, Kameradschaft, Wertschätzung und Sinn, aber auch der Nervenkitzel von Action, ein Gefühl von Macht sowie Ruhm.

Diese empörten jungen Männer erreicht dann eine einfache verführerische Botschaft, die Atran so formuliert: „Überall überfällt und bedroht der Westen Muslime, und der Dschihad ist der einzige Weg, um die himmelschreienden Probleme, die durch diese globale Ungerechtigkeit verursacht werden, ein für alle Mal zu lösen.“ Jeder kann mitmachen und zum Helden werden, wenn’s sein muss mit nicht mehr als einem Teppichmesser. Diese Botschaft ist so schlicht, dass sie jeder versteht, ob in Marokko, Indonesien oder Pakistan, ob in Hamburg, Madrid oder London.

Viele junge Muslime spricht die Idee an, dass die muslimischen Gesellschaften zum authentischen Glauben der Vorfahren zurückkehren müssen. Atran schreibt, dass es beim Dschihad trotzdem eher um eine globale Jugendkultur geht als um den Koran, allerdings um eine, die die uneingeschränkten Möglichkeiten einer säkularen Gesellschaft ablehnt (wie freie Liebe, Pornografie, Alkohol und harte Drogen, das Scheffeln von Geld und den Eigennutz).

Atrans Forschung zeigt, dass die meisten, die sich dem Dschihad anschließen, eine gemäßigte und vorwiegend säkulare Erziehung hatten. Muslime, die religiös aufwachsen, scheinen sogar eher gegen eine Radikalisierung gefeit zu sein. Die meisten Gotteskrieger, so Atran, werden als ältere Teenager oder mit Anfang zwanzig „wiedergeboren“ und wissen wenig über den Islam. Der Versuch, die Motive von Terroristen zu entschlüsseln, indem man sich mit dem Islam beschäftigt und den Koran studiert, ist nach Atrans Meinung nutzlos. Die Bemühungen, gemäßigte Imame zu fördern, bezeichnet er als „irrelevant“. Schließlich wird nur selten jemand in einer Moschee zum Terroristen. Einige wurden im Gegenteil aus der Gemeinde ausgeschlossen, weil sie zu radikal waren.

Quelle: Psychologie – Heute