Die Diskussion über Depressionen und Piloten und Schuld oder Nichtschuld sind zum Glück langsam abgeebbt. Viele haben ihre Meinung kund getan, ich habe unglaublich viele, schlechte Texte zum Thema Depression gelesen und allein die waren schon fast wieder Grund für eine neue Depression. Ich habe das Gefühl, über das Thema wird zwar viel geredet, aber es wird eher rumgemeint. Niemand hat so wirklich Ahnung, jeder hat eine Meinung und am Ende ist jeder GLÜCKLICH darüber, etwas rausgelassen zu haben. Ob das nun aber hilfreich war, oder die Depressionen weiter stigmatisiert, interessiert dann niemanden mehr. Wir haben unsere Meinung dazu gesagt und ändern müssen wir sie ja eh nicht mehr.

Wenn du aber Depressionen hast, bist du immer der Arsch. Als könntest du was dafür. Als hättest du es dir ausgesucht. Als würde es zu Beginn der Woche eine Vorauswahl an Erkrankungen geben und als hättest du für diese Woche GLÜCKLICH nickend auf “Depressionen” gezeigt und gesagt “Ja darauf habe ich gerade Lust”. Nein. Die Wahrheit sieht anders aus. Aber mit Depressionen bist du immer der Arsch.

Du siehst gesund aus – das ist dein Problem Mit Depressionen hast du ein großes Problem. Man sieht sie dir nicht an. Du siehst gesund aus. Deine Gesichtszüge sind vielleicht eher neutral – unemotional. Aber das wird dann einfach als Arroganz gewertet. Ist einfacher. Nein, dir wird gesagt, wieso du Schuld an deinen Depressionen trägst. Und dir wird auch gesagt, wie du sie schnell wieder weg bekommst, denn jeder ist mal ein bisschen traurig. Geh einfach mal unter Menschen. Denk positiv. Ist schon alles nicht so schlimm. Und dann passieren Dinge die nicht in deren Weltbild passen. Die aus “ein bisschen traurig” auf einmal “am Rande des Lebens – Am Rande des Abgrunds” machen. Menschen bringen sich um. “Man bringt sich doch nicht einfach um…” heißt es dann. Nein, man bringt sich nicht einfach um. Depressionen sind aber auch nicht “ein bisschen traurig” und Selbstmord ist nicht “einfach umbringen.” Depressionen sind die Hölle und für Betroffene so schrecklich, dass Selbstmord – das Aufgeben des eigenen Lebens und die damit verbundenen Leiden des Umfelds, als das geringere Übel zählen. Depressive bringen sich nicht aus Egoismus um – in den meisten Fällen wollen sie euch nicht mehr zur Last fallen, haben kein Selbstwertgefühl mehr. Sehen sich als Bürde der Gesellschaft. Depressive ziehen sich zurück. Symptome, wie das Äußern der Gefühle – wenn es denn passiert – werden als undankbare Jammerei gewertet. Niemand will so wirklich mit ihnen umgehen und das bestärkt sie in dem Gefühl überflüssig zu sein – eine Last zu sein.

Hinter verschlossener Tür reden sie über den Depressiven. “Wieso ändert er es nicht einfach” oder “Man, hat der ein Lotterleben – ist gesund und muss nichts machen.” Wenn sie den Depressiven sehen, merkt er ihre Blicke und kann sie interpretieren. Missmut, manchmal sogar Neid auf eine Krankheit, die versucht ihn umzubringen. Aber als Depressiver bist du immer der Arsch. Du bist der, der nichts tun will. Du bist der, der sich seine Krankheit ausgesucht hat. Du bist der, der faul ist und nicht an der Gesellschaft TEILNEHMEN will. Das alles sehen sie in dir.

Du weißt es aber besser. Du sitzt Zuhause, weinst oder fühlst später einfach gar nichts mehr. Du siehst Menschen, von denen du weißt, dass du sie liebst, aber du fühlst nichts. Du siehst deine Familie und du fühlst nichts. Du bist einfach leer. Du willst nichts mehr essen, weil du keinen Sinn mehr darin siehst. Du bist müde, du hast Kopfschmerzen – weil du nichts gegessen hast. Du gehst auf Abstand zu deinen Mitmenschen. Sie sollen sich schon mal dran gewöhnen, wie es ohne dich ist. Dich dann nicht vermissen, sollte es passieren. Du merkst, sie melden sich nicht mehr und kommen ohne dich klar. Das macht dich traurig und erleichtert dich gleichermaßen. Die kommen schon klar. Und wenn es passiert, dann bist du immer noch der Arsch. Dann bist du dieser Egoist, der sich umbringt. Der sich keine Gedanken um seine Mitmenschen gemacht hat. Du bist derjenige, der seine eigenen BEDÜRFNISSE über die der anderen gestellt hat. Dabei wolltest du die anderen nur von dir erleichtern. Du wolltest ihnen den Klotz nehmen, als den du dich wahrgenommen hast. Aber auch am Ende bist du der Arsch.

Es braucht Hilfe und keine Schuldzuweisungen Würden wir über Depressionen endlich so sprechen, wie es sich gehört. Unaufgeregt, neutral und wissenschaftlich, dann würde sich etwas ändern. Wir könnten ihre tiefgreifenden Folgen sehen, Menschen mit Depressionen müssten sich nicht schämen und schlecht fühlen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie müssten nicht diese Bürde auf ihrem Rücken spüren, dass sie nun “die mit den Problemen im Kopf” sind. Die Menschen könnten wie bei Zahnschmerzen zum Arzt gehen. Sie würden behandelt werden, keiner würde sie verurteilen und alle würden sagen “Mensch, gut, dass du das gemacht hast. Geht dir gleich viel besser, oder?”.

Ich möchte, dass wir da hin kommen. Ich möchte, dass die Menschen gehört werden, die Depressionen als Krankheit akzeptieren und sich dafür einsetzen, dass Betroffene schnell und gut behandelt werden. Ich möchte dass jedem über den Mund gewischt wird, der nur mit einem dummen Ratschlag kommt, der nur über “Ich bin auch mal traurig, stell dich nicht so an” nachdenkt. Und solange werde ich über Depressionen reden und SCHREIBEN. Solange werde ich denen, die lieber meinen und nicht wissen entgegenstehen. Wir sind es denen schuldig, die keinen anderen Ausweg mehr sahen, als sich umzubringen, denn eigentlich sind die rummeinenden Gesunden der Arsch und nicht die Kranken.

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